Ich bin das Feuer
das verzehrt
und bin der Stein.
Ich bin die Stimme
die begehrt
und bin das „Nein“.
Ich bin die Mitte
die entsteht
und bin der Raum.
Ich bin der Atem
der vergeht
und bin der Baum.
Ich bin die Wunde
die verheilt
und bin der Fluss.
Ich bin die Zeit
die nie verweilt
und bin der Kuss.
Ich bin die Welle
die dich trägt
und bin das Wort.
Ich bin die Wolke
die verweht
und bin der Ort.
Ich bin die Frau
die sich verschenkt
und bin der Kreis.
Ich bin der Traum
der dich bedrängt
und bin der Preis.
Ich bin die Nacht
die sich erhebt
und bin der Dom.
Ich bin der Sturm
der dich belebt
und bin der Strom.
© Anita Ferraris 1987
Mein Kind
In der Erde wächst mein Kind heran.
Im Inneren der Erde
wo die Feuer brennen
wo die Funken sprühen
in der Schmiede
in der Erde
in der Erde.
Mein Kind wird eine Kristallkrone tragen.
Vater bekommt es mit der Angst zu tun.
Ich nehme ihn bei der Hand
und führe ihn auf die Eisgipfel,
wo wir wohnen von jetzt an.
© Anita Ferraris 1977
Der Mann, der Mischa heisst
könnte auf einer Plakatwand kleben.
Wenn er lächelt, frage ich mich,
ob er für Pepsodent wirbt-
Jede Bewegung seines Körpers
ist eine Wohltat.
Er hat den Gang jener Leute,
die wissen,
dass die Welt sie erwartet.
Wenn er mich ansieht, –
vergesse ich das alles
und öffne ihm
ohne Bedenken
mein Herz.
© Anita Ferraris 1975
Winter
Wir stehen neben
nackten Bäumen
und berühren uns nicht.
Ein Vogel fliegt
zu langsam
vorüber.
Unsere Augen
graben sich ein
in jede Stelle
seines Gefieders.
Es schneit
in den Himmel.
© Anita Ferraris – Februar 1978
Wohin? –
Das Meer ist voller dunkler Schiffe.
Ich bin zu alt für meine himbeerroten Schuhe.
Der Nebel kommt bestimmt zu spät.
Die Leitung bleibt besetzt seit Stunden.
Wohin? –
Oasen kannst du nicht mehr haben.
Die waren ausverkauft, bevor du auf die Welt kamst.
Wo ist ein Anfang? –
Alles ist schon Ende.
Die Leiter, die zum Mond führt, brach.
© Anita Ferraris 1964
Sie war allein. Sie saß in einem geschlossenen Zimmer. Es befand sich nichts im Raum. Die Wände waren kahl und weiß, nur auf dem Boden lag ein Schlüssel. Der Raum besaß keine Fenster, und doch war es hell, wie von einem inneren Schein beleuchtet.
Sie war sich ihrer Umgebung bewusst, aber nur sehr undeutlich und verschwommen. Sie betrachtete ihr schwarzes Kleid mit Erstaunen, stand auf und machte mit Mühe einige Schritte, wobei sie an den Schlüssel stieß, der leise klirrte.
Sie hob ihn auf und steckte ihn ins Schloss der Tür.
Aber es handelte sich um eine Türe, die sich nur von außen öffnen ließ.
Sie setzte sich wieder hin.
April 1967
Schreiben begleitet mich, seit ich denken kann.
Manche meiner Texte entstanden mit sechzehn Jahren, andere erst vor wenigen Monaten. Ich schreibe nicht, weil es leicht ist – im Gegenteil. Schreiben ist für mich oft ein Ringen. Mit Worten. Mit Bildern. Mit dem Leben.
Und genau deshalb führt mich dieser Weg immer wieder zu dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt. Dort entstehen Gedichte, Geschichten und Bücher, die berühren und zum Nachdenken einladen.
Vielleicht findest du zwischen diesen Zeilen auch ein Stück von dir selbst.
„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“
* Franz Kafka
Der Umzug – Tanz mit den Elfen
Ein autobiografischer Roman – erschienen unter dem Pseudonym Luzia Cambia.
Miranda wird siebzig Jahre alt und muss sich mit den Freuden und Schrecken des Älterwerdens auseinandersetzen. Nach einer atemberaubenden Liebesgeschichte und einem anstrengenden Umzug findet sie in einer Kiste ihre Tagebücher und beginnt zu lesen. Bei der Lektüre erlebt sie noch einmal ihre traumatische Kindheit und die Flucht in eine Fantasiewelt, das Reich der Elfen. In der Rückschau liest sich ihre Jugend in den wilden 60er-Jahren, die aufregenden Männergeschichten, der berufliche Durchbruch als Theaterregisseurin, die kreative Schaffenszeit als Künstlerin sowie die späteren Jahre als Therapeutin und Astrologin wie ein Abenteuerroman voller Abgründe und Heldentaten. Sind die Elfen schuld, dass ihr Leben fortlaufend aus Umzügen bestand, ohne jemals anzukommen? Am Ende gibt ein Traum ihr den entscheidenden Hinweis, um das Rätsel ihres Lebens als ungewöhnliche, selbstständige Frau und Lebenskünstlerin besser zu verstehen …
Leserstimmen:
„Ein Leben in Extremen und im Austesten von Grenzen.“
M.A.
„Jede Seite lesenswert!“
*Brigitte Geyer
„Meisterlich packend geschrieben und wunderbar wortgewandt:
*Sternenfrau
⭐⭐⭐⭐⭐
5,0 von 5 Sternen (8 Leserbewertungen)
Ein neues Buch ist in Bearbeitung
Nach Der Umzug – Tanz mit den Elfen
entsteht ein neues Buchprojekt mit dem Arbeitstitel:
Gespräche im Bus
Es geht um Begegnungen, innere Wahrheiten und Momente,
in denen Menschen in einem scheinbar unwichtigen kleinen Gespräch etwas von sich zeigen.
Ein Buch über das genaue, achtsame Zuhören, über Lebensgeschichten, über Schmerz,
Würde, Komik und offene Fragen.
Ein Buch über Gespräche, in denen etwas in Bewegung kommt.
Noch ist es im Entstehen.
Aber der Bus fährt bereits. 🚌
Leseprobe aus dem entstehenden Buch:
„Das Paket“ – April 2025
Das Paket lesen
Das Paket
Ich sitze an meinem Stammplatz im Bus, rechts vorne, ganz nah beim Fahrer, und genieße die Ruhe. Plötzlich kommt ein Mann rein, trägt ein riesiges Paket. Er setzt sich neben mich und rammt mir mit der scharfen Ecke sein Paket in die Seite.
„Aua!“ schreie ich.
Er reagiert nicht, schaut einfach weg. Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich unverschämt. Leise murmele ich: „Früher hat man wenigstens ‚Entschuldigung‘ gesagt.“ Keine Reaktion.
Na warte, denke ich mir, und überlege, wie ich mich rächen kann. Er starrt weiterhin aus dem Fenster. Also schnapp ich mir mein Handy und fange laut an, mit einer Freundin zu telefonieren – etwas, das ich sonst nie mache.
Plötzlich dreht er sich um, funkelt mich böse an und brüllt:
„Hören Sie sofort auf zu telefonieren! Das stört mich!“
Ich grinse und sage:
„Ach, Sie haben ja tatsächlich eine Stimme. Hätte nicht gedacht, dass Sie reden können. Toll!“
Er dreht sich beleidigt weg. Ich telefoniere noch kurz, lege dann auf und sage, obwohl er wegschaut:
„Sie können mir nicht verbieten zu telefonieren. Sie haben kein Recht dazu.“
Keine Reaktion.
Wir fahren schweigend weiter. Er schaut nach links, ich nutze die Gelegenheit:
„Sie haben einen Akzent. Sind Sie Grieche?“
Er schnellt den Kopf zurück und brüllt:
„Ich bin Türke!“
„Ah“, sage ich, „Mittelmeerraum also. Ich bin Halbitalienerin. Haben wir was gemeinsam.“
Jetzt schauen wir beide nach vorne. Fortschritt!
Nach einer Weile sagt er, ganz unerwartet:
„Tut mir leid. Entschuldigung. Kann ja mal passieren.“
„Ja“, antworte ich, „und dann entschuldigt man sich. Das haben Sie gerade getan.“
Wir schweigen. Ich sehe, dass es in ihm arbeitet.
Dann steht er auf, geht Richtung Tür. Ich frage mich, ob er noch etwas sagt.
Er dreht sich um, sieht mich an und meint:
„Gute Fahrt. – Und danke für das schöne Gespräch.“
Er steigt aus.
Ich sehe ihm nach, wie er langsam in der Menge verschwindet – ein kleiner Mann, gebeugt nicht nur vom Alter, sondern von einem Leben, das viel von ihm gefordert hat. Um sich zu schützen, hat er sich einen Panzer zugelegt – nicht aus Metall, sondern aus Schweigen, aus Vorsicht, aus Kälte, aus der feinen Kunst, niemanden wirklich nahe an sich heranzulassen. Und doch – für einen flüchtigen Moment war es mir gelungen, ihn zu berühren, einen feinen Riss in seinemPanzer zu hinterlassen. In seinem Inneren blitzte kurz etwas auf, ein Licht, weich, menschlich, wahr.
Und dieses Leuchten, so zart es ist, erfüllt mich mit leiser Freude, während der Bus sich wieder in Bewegung setzt.



